Globale Gesundheit hat größte Bedeutung – ein Gespräch mit der Bundeskanzlerin

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Cornelius Rohde (Institut für Virologie, Marburg)

Die Kanzlerin bekennt sich zum Ziel der UN-Agenda 2030, dass jeder Mensch ein Anrecht auf Gesundheitsversorgung hat. Sie setzt sich für die Entwicklung neuer Impfstoffe gegen Tropenkrankheiten ein und warnt vor dem Missbrauch von Antibiotika.

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18. Februar 2017

Die Fragen stellte Cornelius Rohde, Doktorand am Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg.

Cornelius Rohde:
Frau Bundeskanzlerin, für nächste Woche haben Sie zum 3. Internationalen Deutschlandforum eingeladen. Das Thema dieses Mal ist die globale Gesundheit. Durch Globalisierung sind Distanzen und Grenzen viel leichter zu überwinden. Dies galt auch für die Tropenkrankheit Ebola, die in den letzten Jahren weltweit tausende Menschen betroffen hat. Dabei waren Hilfsorganisationen wie die „Ärzte ohne Grenzen“ am Anfang oft auf sich alleine gestellt. Ist die deutsche Bürokratie hier zu schwerfällig, um schnell internationale Hilfe zu gewährleisten? Und was kann das Deutschlandforum beitragen?

Bundeskanzlerin Merkel:
Ja, ich freue mich erstmal, dass das Deutschlandforum wieder zu Gast ist. Das ist jetzt das dritte Mal, dass wir uns treffen, und diesmal auch das Thema Gesundheit auf die Tagesordnung gesetzt haben. In der Tat hat die Weltgemeinschaft –inklusive Deutschland –nicht ausreichend schnell reagiert, als Ebola auftrat, und „Ärzte ohne Grenzen“ und andere haben sich sehr alleine gefühlt. Und deshalb will ich auch noch mal sagen, was für einen herausragenden Beitrag sie damals geleistet haben. Wir haben dann sehr schnell überlegt: Was kann man machen, welche Lektionen kann man aus dieser Ebola-Krise ziehen? Ich habe dann 2015 einen Sechs-Punkte-Plan vorgestellt, und wir haben bei den Vereinten Nationen eine Initiative gestartet, mit der das Thema „Lessons learnt from Ebola“ auf die Tagesordnung gesetzt wurde, jetzt auch Maßnahmen ergriffen wurden. Ich selber bin auch zur WHO nach Genf gefahren, habe mich dort dafür eingesetzt, dass wir bessere Pandemiepläne haben. Und wir werden bei unserem G20-Treffen in diesem Jahr vorher ein Gesundheitsminister-Treffen haben, bevor sich die Staats- und Regierungschefs treffen. Auf diesem Gesundheitstreffen wird es auch eine Simulation geben: Wie kann man in Zukunft weltweit schneller darauf reagieren –von dem Bekanntwerden eines solchen Pandemieausbruchs bis dahin, dass dann auch internationale Hilfe zur Verfügung gestellt wird, zusammen mit der WHO, zusammen mit der Weltbank, zusammen mit den Vereinten Nationen; so dass ich hoffe, dass wir in Zukunft besser gerüstet sind.

Vernachlässigte Tropenkrankheiten haben oft eines gemeinsam: Es gibt keine Impfstoffe dagegen. Ein Grund hierfür ist, dass diese Krankheiten meistens in Ländern auftreten, in denen sich die Bevölkerung keine teuren Medikamente leisten kann. Laut WHO betrifft dies rund eine Milliarde Menschen weltweit. Was können Sie tun, damit Unternehmen in solche Impfstoffe investieren und wo liegen die Vorteile für uns Deutschen?

Wir haben dieses Thema bereits bei unserem G7-Treffen in Elmau auf die Tagesordnung gesetzt, wie ja insgesamt das Thema „globale Gesundheit“ –glaube ich –von allergrößter Bedeutung ist. Wir haben in den Entwicklungszielen für 2030 das sehr anspruchsvolle Ziel, dass jeder Bürger der Welt –egal welchen Alters –ein Anrecht auf Gesundheitsversorgung hat. Und da sind wir dann natürlich bei den ärmeren Ländern, wo gerade eben diese Tropenkrankheiten oft nicht gut behandelt werden können. Wir haben im Zusammenhang mit G7 eine Forschungsinitiative auf den Weg gebracht, um Unternehmen zu helfen, solche Impfstoffe zu entwickeln. Und daran werden wir auch entschieden weiterarbeiten. Und ich werde auch im Rahmen der G20-Präsidentschaft schauen, ob wir noch mehr Mitstreiter auf diesem Weg bekommen können. Wir Deutschen, das haben wir ja durch die Flüchtlinge gesehen, haben immer ein Interesse daran, dass Menschen anderswo vernünftig, gut leben können, um eben Fluchtursachen zu bekämpfen. Und da fällt für mich die Gesundheitsversorgung natürlich auch in dieses Gebiet.

Neben den Tropenkrankheiten rücken auch wieder vermehrt bakterielle Infektionen in die Schlagzeilen. Die Gründe hierfür sind Resistenzen gegen Antibiotika. Selbst Reserveantibiotika zeigen keine Wirkung mehr. War man sich hier zu sicher, alles im Griff zu haben, und wurde es versäumt, in Deutschland, was einmal als „Apotheke der Welt“ bezeichnet wurde, durch gezielte Förderung rechtzeitig neue Antibiotika zu entwickeln?

Ich habe mich im Vorfeld unserer G7-Präsidentschaft auch sehr intensiv mit Pharmaunternehmen unterhalten, wie das mit der Entwicklung neuer Antibiotika ist. Und habe dabei gelernt, dass die Entwicklung neuer Antibiotika ein sehr komplizierter Vorgang ist: dass man manchmal Zufallsfunde macht, aber dass man mit jedem Antibiotikum, was man hat, sehr sorgsam umgehen sollte, um die Resistenzen nicht zu schnell entstehen zu lassen. Und da sind wir dann bei dem zweiten Punkt: vorschriftsmäßige Einnahme der Antibiotika, keine zu häufige Einnahme von Antibiotika und der sogenannte Ein-Gesundheits-Ansatz von Mensch und Tier. Wir wissen, dass gerade in der Landwirtschaft in einigen Ländern der Welt noch sehr stark Antibiotika verabreicht werden, die dann auch wieder den Menschen erreichen. Und deshalb sind wir auch hier in Deutschland dabei, wirklich diese Gefahrenherde einzudämmen und wirklich uns bewusst zu sein: Antibiotika sind eine sehr große Entdeckung–jedes Mal –, und deshalb darf man nur sachgerecht mit ihnen umgehen.

In vielen Entwicklungsländern ist medizinische Versorgung nicht flächendeckend gewährleistet. Diese Problematik möchten Sie mit Hilfe von modernen Kommunikations-und Informationstechnologien beheben und somit einen Beitrag zur globalen Gesundheit leisten. Was kann die Bundesrepublik Deutschland konkret tun, um mit Hilfe solcher E-Health-Konzepte hier einen Beitrag zu leisten?

Wir können von deutscher Seite natürlich erst mal selber Vorbild sein. Wir haben ein solches Gesetz jetzt auf den Weg gebracht–für die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Ich glaube, das kann sehr weiterführend sein; damit können wir auch anderen Ländern ein Beispiel geben. Hier geht es auf der einen Seite darum, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, also Gesundheitsdaten auch dazu zu verwenden, um zum Beispiel –anonymisiert–Muster zu erkennen und neue Produkte zu entwickeln. Auf der anderen Seite ist Gesundheit auch ein sehr sensibles Gebiet für den Datenschutz. Hier muss man jeweils die richtige Balance finden. Wir wissen, dass wir für die Behandlung weltweiter Gefährdungen und die Situation im Gesundheitsbereich die Digitalisierung sicherlich sehr gut werden nutzen können–und damit auch Chancen für Menschen in Afrika, die vielleicht sonst auch wenig Zugang zu Informationen haben, sehr verbessert werden können. Und deshalb bin ich der Meinung: Wir sollten die Chancen der Digitalisierung mehr sehen als die Risiken. Aber wir müssen uns natürlich auch mit Fragen des Datenschutzes intensiv auseinandersetzen.

Quelle: www.bundeskanzlerin.de

„Die Ebola-Lektion“ – eine Chronologie

„brand eins“ im Gespräch mit Stephan Becker

Klicken Sie hier, um den Artikel über Ebola lesen und hören zu können.

Wir dürfen weiterforschen!

SFB 1021 von DFG weiterbewilligt

Der Bewilligungsausschuss für Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft beschloss am 18. November 2016 die Förderung des SFB 1021 „RNA Viren Metabolismus viraler RNA, Immunantwort der Wirtszellen und virale Pathogenese“ für weitere vier Jahre (2017 – 2020). In der neuen Bewilligungsperiode werden 16 Forschungsprojekte aus Marburg und Gießen sowie zwei zentrale Projekte mit Servicefunktionen (Virus Genomik und Transkriptomik sowie Proteomik von Virus-infizierten Zellen) gefördert.

Pressemitteilung Philipps-Universität Marburg

Pressemitteilung Deutsche Forschungsgemeinschaft

Schüler schlüpfen in Forscher-Rolle

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Als Virologen mussten die Oberstufler bei einem Simulationsprojekt der Uni ein neuartiges Virus erforschen

Schüler nehmen für zwei Tage die Rolle von Wissenschaftlern ein: Am Uni-Institut für Virologie fand erneut die „Marphili“-Simulation statt.

Marburg.
Wir schreiben das Jahr 2020. Das neuartige „Marphili-Virus“ ist auf den Philippinen aufgetreten. Es gab bisher schon 1 372 Erkrankte, wovon 960 Menschen starben. Nach einem längeren beruflichen Aufenthalt auf den Philippinen landet eine vierköpfige Familie auf dem Frankfurter Flughafen. Der Vater zeigt Symptome, die auf eine Marphili-Infektion schließen lassen. Jetzt schlägt die Stundeder Marburger Wissenschaftler, die schließlich auch zuvor bereits das Virus identifiziert haben und Experten auf dem Gebiet der hochgefährlichen Viren sind. Bei einer Pressekonferenz stehen die Forscher nach Laboruntersuchungen Rede und Antwort.
Mit viel Begeisterung schlüpften die von einer Lehrerin begleiteten Schüler des Gymnasiums Philippinum und der Martin-Luther-Schule in die ungewohnten Rollen der Virus-Experten. Dabei entwickelte sich eine spannende Frage- und Antwortrunde. Denn neben dem Reporter von der OP waren auch einige Schüler als Journalisten eingeteilt. Auch sie fühlten ihren beiden Mitschülern Debi Abdel Rahman und David Hilberg sowie dem studentischen Teamer Sandro Halwe, die auf dem Podium saßen, auf den Zahn.
Wird auch wirklich alles getan, um Impfstoffe in ausreichender Menge zu entwickeln? Wie gefährlich ist das Virus wirklich? Das waren nur einige der Fragen, auf die die „Forscher“ eine Antwort wissen mussten.
Nach der simulierten Fragerunde stellten sich die Schüler auch noch den Fragen der OP zum „Marphili“-Projekt.
Im Mittelpunkt standen unter anderem folgende Fragen: Wie leicht lassen sich Viren übertragen? Durch welche Substanzen lässt sich das Virus inaktivieren? Wie können Patientenproben diagnostiziert werden? „Es war sehr informativ und hat viel Spaß gemacht“, erklärte David Hilberg.
Neben Vorlesungen gehörte auch viel Laborarbeit zu dem, was die Schüler im Virologie-Institut erlebten. Besonders schön sei dabei das gute Betreuungsverhältnis gewesen, freute sich der Schüler. Zudem hätten sie auch ganz praktische Einblicke in das Berufsfeld der virologischen Forschung erhalten, ergänzte Debi Abdel Rahman.
Dabei habe er festgestellt, dass ein Großteil der Arbeit aus Warten bestehe. Ein einziger Fehler könne schnell die Arbeit eines ganzen Tages zunichte machen. Nach dem ersten Durchgang
gab es dann noch eine zweite zweitägige Runde, bei der weitere Schüler bei der „Marphili-Simulation“ mitmachten.
Die Oberstufenschüler hatten sich im Unterricht des Leistungskurses Biologie darauf vorbereitet. Schon seit einigen Jahren wird diese Simulation immer in den Sommerferien am Virologie-Institut der Uni Marburg angeboten. Instituts-Direktor Professor Stephan Becker hat das Projekt ins Leben gerufen. Übergreifendes Ziel ist es, den Schülern Einblicke in die Arbeit der Virologen zu bieten.
In der Zusammenarbeit mit heimischen Schulen wollen die Forscher auch dazu beitragen, auf die Bedeutung von Infektionskrankheiten hinzuweisen.

Quelle: Oberhessische Presse


Bericht zum Projekt Marphili-Simulation von Michael Klüver (Institut für Virologie):

[04.09.2016] Schüler der Martin-Luther-Schule in Marburg simulierten Ernstfall und übernahmen die Rolle der Virologen.

Ein neuartiges tödliches Virus verbreitet sich rasant in Südostasien und die Menschen sind weltweit beunruhigt. Wie reagiert man als Virologe  auf  eine  solche  Bedrohung und wie informiert man angemessen Medien und Bevölkerung ohne Panik zu verbreiten? Das lernten Schüler der Sekundarstufe 2 in einem zweitägigen Praktikum am Institut für Virologie in Marburg.
Wir schreiben das Jahr 2020. Im Norden der Philippinen ist eine neuartige Viruserkrankung ausgebrochen, die mit grippe-ähnlichen Symptomen, wie Schnupfen, Husten, Fieber einhergeht Es kommt auch zu schweren Verläufen, die mit Lungenentzündung und Multi-Organversagen zum Tod führen können. Innerhalb eines halben Jahres ist die Zahl der Fälle bereits auf etwa 1400 gestiegen, von denen über 1000 verstorben sind. Das entspricht einer Todesrate von etwa 70%. Das Virus hat sich bereits in ganz Südostasien verbreitet, sodass auch in Deutschland die Angst vor einer Marphili-Virus-Epidemie zunimmt. Die Zeitungen sprechen bereits vom nächsten „Super-Virus.“
Aktuellen Anlass zur Sorge gibt nun eine Deutsche Familie, die von den Philippinen zurückkehrt und am Flughafen Frankfurt landet. Der Vater, der dort in der Entwicklungshilfe tätig war, zeigt Marphili-Virus-ähnliche Symptome und sein Gesundheitszustand hat sich während des Fluges stark verschlechtert. Aus diesem Grund wird die Familie auf der Isolierstation im Universitätsklinikum Frankfurt untergebracht. Blutproben werden zur Diagnostik an das Institut für Virologie in Marburg geschickt.
Vor diesem Hintergrund war es nun die Aufgabe der Schüler, in die Rolle eines Virologen zu schlüpfen und folgende Fragen zu klären: „Ist die Familie mit Marphili-Virus infiziert und hat damit das Marphili-Virus Deutschland erreicht? Wie gefährlich ist das Virus und wie kann es gestoppt werden? Und vor allem: Wie informiert man die Presse und die Bevölkerung ohne die Menschen in Panik zu versetzen?
In einem zweitägigen Praktikum am Institut für Virologie in Marburg konnten die Schüler erfahren, wie sich eine solche Situation anfühlt. Sie führten selbst Versuche mit den „Patienten-Proben“ durch, benutzten aktuelle diagnostische Methoden wie PCR und ELISA, testeten wie Viren per Schmierinfektion schon beim Händeschütteln übertragen werden können und mit welchen Mitteln das Marphili-Virus zerstört werden kann.
Auf der abschließenden Pressekonferenz informierten die Schüler Presse und Öffentlichkeit über die Ergebnisse ihrer Untersuchungen. Nele Rößer klärte zunächst über die Hintergründe der Virus-Erkrankung und die Deutsche Familie auf und berichtete „dass die Mitreisenden aus dem Flugzeug bereits informiert wurden und weiter beobachtet werden.“ Die Schüler kommen zu dem Schluss: „Der Vater ist mit dem Marphili-Virus infiziert.“ Das Marphili-Virus hat also tatsächlich Deutschland erreicht. Es zeigt sich jedoch, dass auch die übrigen Familien-Mitglieder die Krankheit durchgemacht haben, jedoch nicht ernsthaft krank wurden. Die „Dunkelziffer liegt also deutlich höher“, so Jannik Witte.
Es haben sich deutlich mehr Menschen mit dem Marphili-Virus infiziert, als die bisher diagnostizierten 1400 Fälle. Das bedeutet, aber auch, dass die Rate der Menschen, die daran versterben, deutlich geringer als 70% ist. Daher kann nicht von einem neuen Super-Virus gesprochen werden. Witte rät aber von Reisen in die betroffenen Gebiete ab. Rößer versichert zudem, dass bereits mit Arbeiten an Impfstoffen und Behandlungsmöglichkeiten begonnen wurde.
Bleibt die Frage, was nehmen die Schüler aus dieser Simulation mit? Sie lernen das Fachgebiet Virologie kennen, lernen wie der Alltag der Virologen aussieht, aber auch wie wichtig es ist, in solchen Situationen angemessen zu reagieren und die Presse und die Öffentlichkeit richtig zu informieren. Diese Kommunikation liegt auch Institutsleiter Prof. Dr. Stephan Becker und den Virologen Marc Ringel, Michael Klüver, Cornelius Rohde und Vanessa Heinecke, die das Projekt betreuten sehr am Herzen. Die Marphili-Simulation, die von der DFG im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1021 gefördert wird, soll das Interesse der Schüler an Naturwissenschaften und am Fachgebiet Virologie wecken. Darüber hinaus soll sie aber den Schülern, deren Familien und Freunden einen Einblick in die Arbeit der Virologen ermöglichen und der Öffentlichkeit helfen, neue Bedrohungslagen besser zu verstehen.

„Kein gefährliches Virus für Gesunde“ – Zika-Virus

Erst die hohe Anzahl von Infizierten in Südamerika macht Zika-Virus zur Risiko-Krankheit

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>>>  Aktuelle Informationen des Instituts für Virologie (Marburg) zum Zika-Virus – FAQ  <<<

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in Sachen Zika-Virus weltweit den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Die Virologen der Marburger Universität haben mit dem Virus bisher nicht viel zu tun.

Marburg.
In Sachen Zika-Virus sind die Marburger Virologen bisher nicht gefordert. Das erläuterte Professor Stephan Becker, Leiter des Virologie-Instituts und des BSL4-Hochsicherheitslabors auf den Lahnbergen, im Gespräch mit der OP.
„Es gibt sehr viele verschiedene Arten von Viren, die sich von Insekten auf den Menschen übertragen“, erklärt Becker. So sei es auch für Virologen schwer, über alle dieser Arten einen Überblick zu behalten. Zudem seien die Marburger Wissenschaftler weniger auf die Erforschung dieser Familie der Flaviviren
spezialisiert. Stattdessen stehen andere Viren im Fokus der Marburger, wie die hochgefährlichen Ebola-Viren oder Marburg-Viren, die ein mit inneren Blutungen einhergehenden hämorraghisches Fieber verursachen, das im Infektionsfall häufig zum Tod führen kann.
Theoretisch müssten sich die Virologen aber jetzt auch vorbereiten auf die Möglichkeit. Impfstoffe gegen das Zika-Virus zu finden oder um Diagnosemethoden vorzuhalten.
Das Zika-Virus wurde 1947 erstmals in Uganda im „Zika Forest“ in Entebbe isoliert und erhielt von diesem Wald seinen Namen. Es verursacht das Zika-Fieber, und man nimmt an, dass es durch Aedes-Stechmücken übertragen wird. „Die Infektionskrankheit geht mit Fieber, Hautausschlag, Gelenkschmerzen, einer Entzündung der Augenbindehaut sowie seltener Muskel- oder Kopfschmerzen und Erbrechen einher“ und dauere im Normalfall höchstens sechs Tage, heißt es über die Krankheitssymptome und den -verlauf in einem Merkblatt des Gesundheitsdienstes des Auswärtigen Amtes.
„Das Zika-Virus ist kein gefährliches Virus, wenn man ein gesunder Mensch ist“, stellt Professor Becker klar. 80 Prozent der Infizierten würden überhaupt nicht krank, und der Rest werde im Normalfall „ein bisschen krank“. Das Problem sei allerdings die sehr hohe Zahl an Infektionen Südamerika. Zum Problem könne das Zika-Virus angesichts dieser plötzlich stark angestiegenen Zahl von Infizierten im Nordosten Brasiliens deswegen werden, weil es unter rund vier Millionen Infizierten auch Menschen mit einem bereits vorab geschwächten Immunsystem gebe.
Erforscht werden müsse jetzt auch genauer, ob die Erkrankung Auswirkungen auf Schwangere habe. Denn es gebe seit September 2015 vermehrt Berichte aus Brasilien, dass im Zusammenhang mit der Krankheit bei Neugeborenen Fälle von Mikroenzephalie (relativ kleiner Kopfumfang und mögliche geistige Behinderung) aufgetreten seien. Die Weltgesundheitsorganisation WHO habe sich aufgrund der Erfahrungen mit der Ebola-Epidemie für den „sicheren Weg“ entschieden, mit dem weltweiten Gesundheitsnotstand vor der Gefahr zu warnen, meint Becker. Das sei wichtig, solange nicht sicher sei, dass durch das Zika-Virus keine Gefahr für Schwangere existiere. Die Entwicklung von Impfstoffen könne durch die Ausrufung des Gesundheitsnotstands vorangetrieben werden, kommentierte Becker auf OP-Anfrage.
In den Fokus der WHO sei das Zika-Virus jetzt aber auch geraten, weil in Brasilien im Sommer die Olympischen Spiele stattfinden und dort viele Olympia-Touristen aus der ganzen Welt erwartet werden.
Eine Ausbreitung der Epidemie in Deutschland ist allerdings laut Becker nicht zu befürchten, denn das Virus wird nicht von Mensch zu Mensch übertragen, sondern von den Stechmücken auf den Menschen.
Bisher gibt es keine vorbeugenden Impfungen gegen das Zika-Virus. Becker weist deswegen wie die offiziellen Gesundheitsbehörden darauf hin, dass bei einem Besuch von Risikogebieten der Schutz vor Mückenstichen essentiell sei, um keine Erkrankung zu riskieren. In Sachen gefährlicher Viren sei übrigens noch nicht klar, welche Viren als nächste in den Fokus des öffentlichen Interesses geraten könnten, meint Becker.
So gebe es zwar eine WHO-Liste der potenziell gefährlichsten Kandidaten, auf der neben Ebola- und Marburg auch das Nipah-Virus, die Lassaviren oder das Rifttal-Virus stehen. „Aber man kann es nicht genau vorhersagen. Oft kommt der nächste Schlag der Viren aus einer Richtung, aus der man es vorher
nicht vermutet hat“, macht der Marburger Virologe deutlich.

Quelle: Oberhessische Presse

3sat „Nano“ Interview mit Stephan Becker

Das 3sat „Nano“ Interview von Stephan Becker ist online zugänglich

Klicken Sie hier, um zur 3sat Online-Mediathek zu gelangen und das Interview ansehen zu können. 

Schüler untersuchen „tödliches“ Virus

Am Institut für Virologie simulieren Schüler den Ernstfall einer drohenden Ausbreitung.

Was tun, wenn ein tödliches Virus kurz vor dem Ausbruch in Deutschland steht? In einer Simulation untersuchten Schüler die Eigenschaften eines Virus und stellten ihre Ergebnisse auf einer Pressekonferenz vor.

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Marburg.
In einem zweitägigen Praktikum am Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg spielten Schüler der Oberstufe des Philippinums und der Martin-Luther-Schule den Ausbruch des fiktiven tödlichen Marphilivirus nach. Unter der Leitung des Biologie-Doktoranden Marc Ringel untersuchten die Teilnehmer durch Experimente, wie eine Ansteckung durch das neuartige Virus nachgewiesen werden und wie man sich davor schützen könnte. Sie arbeiteten dabei mit dem echten Baculovirus, das allerdings für Menschen harmlos ist, da er nur Insekten infiziert und in der Natur weitverbreitet ist.

1 000 Kranke und 960 Tote
Schließlich präsentierten sie auf einer Pressekonferenz ihre Ergebnisse und beantworteten in der Rolle als Wissenschaftler die Fragen von versammelten Medienvertretern. Das fiktive Szenario beschrieb ein erstmaliges Auftreten des Marphilivirus auf den Philippinen, das mehr als 1 000 Erkrankte und 960 Todesfälle hervorgerufen habe. Eine vierköpfige Familie sei nach einem Aufenthalt auf den Philippinen auf dem Frankfurter Flughafen gelandet und der Vater zeige die Symptome der SARS ähnelnden Viruserkrankung. Nun mussten die Schüler als Wissenschaftler eine Ausbreitung des Virus in Deutschland verhindern. Ist das Marphilivirus wirklich so gefährlich? Sind die Familienmitglieder schon infiziert? Was passiert mit den Passagieren des Flugzeugs, mit denen die Familie auf engem Raum zusammensaß? Diese Fragen mussten die Schüler mithilfe von Proben der Familie, die zum Institut für Virologie gebracht worden waren, beantworten. 

Hitze und Alkohol helfen
Durch Experimente stellten sie fest, wie leicht das Virus übertragen werden kann und welche Substanzen zur Bekämpfung geeignet sind, Hilfsmittel wie Mikroskope und Fluoreszenzmittel halfen ihnen dabei. Auf der Pressekonferenz erklärten die Schüler, wie man sich durch verbesserte Hygiene präventiv vor dem Virus schützen könne. Das Virus verbreite sich durch Tröpfchen- und Schmierinfektion, deshalb helfe das Desinfizieren der Hände, die Ansteckungsgefahr zu verringern. Aber auch das heiße Waschen von Wäsche sei hilfreich, das Virus vertrage nämlich keine Hitze. Schließlich seien desinfizierende Mittel wie Alkohol jedem Urlauber zu empfehlen, der sich in der nächsten Zeit auf den Philippinen aufhalte. Das Projekt ermöglichte es dem Institut für Virologie, die Zusammenarbeit mit den Schulen zu vertiefen und auf Infektionskrankheiten hinzuweisen.

Hilfreich für das Abitur
Aber auch die Schüler nahmen neues Wissen aus dem Praktikum mit: Bei einem vollen Lehrplan reiche die Schulzeit nicht für viele praktische Übungen. Außerdem sei es auch für das Abitur hilfreich, sich schon in der Schule gehörte Begriffe wieder ins Gedächtnis rufen zu können. Doktorand Marc Ringel erläuterte ebenfalls seine Motivation: „Wir können Schülern Einblicke in unsere Arbeit bieten und sie ihnen näherbringen. Außerdem ist es für mich eine willkommene Abwechslung zum Laboralltag.“ Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hatte das Projekt finanziell gefördert, das von Professor Stephan Becker, dem Leiter des Instituts für Virologie, organisiert wurde.


Quelle: Oberhessische Presse

Wenn ein neuartiges Virus ausbricht

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Institut für Virologie gewährte Einblicke in Arbeitsmethoden

Marburg.
Was macht das Institut für Virologie der Philipps-Universität Marburg, wenn ein neuartiges Virus ausbricht, und wie wird im Hochsicherheitslabor auf den Marburger Lahnbergen gearbeitet? Diesen spannenden Fragen durften gestern sechs Gewinner der Adventskalender-Aktion >hr-INFO öffnet Türen< nachgehen, für die das Sonntag-Morgenmagazin im Dezember auch zwei Karten verlost hatte.

Quelle: Sonntag-Morgenmagazin

Biologieunterricht 1968… und 2014

Im Frühjahr 2013 mussten wir Biologen im Zuge der Sanierung des naturwissenschaftlichen Gebäudes am Philippinum die Biologie vollständig ausräumen, sichten und viele der Sammlungsexponate sicher in der Baracke zwischenlagern. Im Zuge dieser Aktion machten wir eine besondere Entdeckung.

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In einem der oberen Schränke befanden sich nicht nur alte Zeitschriften und Anregungen zum Biologieunterricht aus vergangenen Zeiten, sondern auch alte Hefte von Schülerinnen und Schülern. Beim Stöbern fanden wir so auch das Biologiearbeitsheft von Roland Knoke aus dem Jahr 1968. Feinsäuberlich waren hier drei Aufsätze niedergeschrieben zu den Themen: 1. Aminosäuren und Eiweiße, 2. Die Chromosomentheorie der Vererbung und 3. Die Fotosynthese. Es sieht so aus, als habe die Lehrkraft damals zu den Leistungsüberprüfungen ein Thema an die Tafel geschrieben und jeder Schüler hat dann aus dem Gedächtnis alles aufgeschrieben und mit Formeln und Zeichnungen ergänzt, was er zu diesem Thema aus dem Unterricht behalten hat. Gerade die Darstellung von Herrn Knoke über Eiweiße und Aminosäuren, aber auch über die Vorgänge der Fotosynthese zeigen, dass er gut gelernt hat. Das meiste von dem gilt auch heute noch, würde aber kaum so abgefragt, sondern lediglich als Hintergrundwissen genutzt werden, um es auf konkrete Messungen und Beispiele anzuwenden.

Heute haben die Klausuren natürlich auch thematische Schwerpunkte, es geht aber nur im geringen Anteil um eine bloße Abfrage des Gelernten. Vielmehr werden die Schüler in den Klausuren mit Grafiken, Beobachtungen und Versuchsergebnissen innerhalb des Themas konfrontiert und sie müssen nun zeigen, dass sie auf der Grundlage des Gelernten fähig sind, das Material sachgerecht zu analysieren und zu interpretieren. Dies hat natürlich auch mit dem Auswendiglernen biologischer Prinzipien zu tun, führt aber durch die Anwendung auf konkrete Beispiele darüber hinaus. Besonders deutlich treten die Unterschiede zwischen 1968 und 2014 im Themenbereich der Genetik hervor. Hier konnte Roland Knoke gerade einmal Aussagen zu den Kreuzungsversuchen Mendels machen und tastete sich ein wenig an die Chromosomentheorie der Vererbung heran.

Durch die vielfältigen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritte, nicht zuletzt durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms 2003 (Humangenomprojekt von 1990 – 2003) müssen Schüler heute weit mehr zur Genetik lernen und verstehen. Sie lernen den Aufbau der DNA bis in die Molekularebene, lernen, wie diese von welchen Enzymen abgelesen und reproduziert wird, und können dieses Wissen dann auch auf konkrete Beispiele, etwa genetische Erkrankungen, anwenden. Die Kreuzungsversuche von Mendel bleiben zwar immer noch Grundlage und müssen in der Sek I zusammen mit den Prozessen von Meiose und Mitose genau verstanden werden. Aber das größere Gewicht haben heute in der Sek II all die neueren Erkenntnisse der Genetik, die verstanden und nachvollzogen werden müssen. Schaut man sich die Benotung der Aufsätze von Herrn Knoke an, scheint er auch 1968 schon gespürt zu haben, was für ihn nachhaltiges Wissen darstellte und was nicht. Die unbestrittenen Ausführungen zu Eiweißen und zur Foto- Biologieunterricht 1968 …… synthese brachten ihm eine zwei in der Benotung ein, sein Genetikaufsatz dagegen wurde deutlich schlechter bewertet – vielleicht nicht nur, weil er selbst nur wenig dazu sagen konnte, sondern weil die Erkenntnisse bis dahin insgesamt sehr dürftig waren.

Abschließend bleibt zu sagen, dass heute wie damals Schule nicht ohne ein gewisses Maß an Lernen, und das heißt auch Auswendiglernen, auskommt, dass Schule aber heute ein weit größeres Gewicht auf die Anwendung und den konkreten Alltagsbezug des Gelernten legt. Überraschend aktuell zeigte sich eine Zusammenarbeit zwischen dem Virologie Zentrum der Universität Marburg und dem Philippinum in den letzten Ferientagen der Sommerferien. 15 Schülerinnen und Schüler aus den Grund- und Leistungskursen Biologie am Philippinum beendeten ihre Ferien freiwillig, um am 04. und 05.09.2014 an einer Simulation zur Ausbreitung eines hochinfektiösen Virus teilzunehmen. Bei der Anmeldung dazu ahnten sie nicht, wie aktuell diese Simulation sein würde, da wenige Wochen vorher das Ebolavirus in Afrika ausgebrochen war und bis heute noch nicht eingedämmt werden konnte.

So wurde das vielfältige experimentelle Arbeiten bgeleitet von aktuellen Informationen zum Ebolavirus mit einer Präsentation von Dr. Gordian Schudt über seinen Einsatz in Afrika. Die Schülerinnen und Schüler prüften in der Simulation die antivirale Wirkung unterschiedlicher Substanzen von Honig über Deo, Alkohol und Karotten und führten Genanalysen und Antikörpertests durch. Es bestätigte sich die desinfizierende Wirkung des Alkohols, während andere, teilweise naturheilkundlich propagierte Stoffe, enttäuschend wirkungslos blieben. In einer abschließenden Pressekonferenz zeigte sich der große Gewinn, den die Schülerinnen und Schüler aus der gemeinsamen Arbeit ziehen konnten. Alle betonten, dass sie jederzeit wieder, auch in den Ferien, so ein Projekt wahrnehmen würden.


Quelle: Jahrbuch 2014, Gymnasium Philippinum

Virologen berichteten an der JLU von Ebola in Westafrika

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Als der Vortrag „Ebola in Westafrika – Augenzeugenberichte Marburger Virologen und Einblicke in aktuelle Entwicklungen“ anstand, drohte der Hörsaal aus allen Nähten zu platzen.

Gießen – (olz).
Wirklich verwundern konnte das natürlich nicht: Als der Vortrag „Ebola in Westafrika – Augenzeugenberichte Marburger Virologen und Einblicke in aktuelle Entwicklungen“ anstand, drohte der Hörsaal im Biomedizinischen Forschungszentrum der Justus-Liebig-Universität (JLU) aus allen Nähten zu platzen. Es gab nur noch wenige Stehplätze als Dr. Gordian Schudt und Dr. Thomas Strecker von der Marburger Philipps-Universität von ihren Erfahrungen berichteten.

Quelle: Gießener Anzeiger